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Tim von Lindenau

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Abenteuerliche Kurzgeschichte
Tim von Lindenau


Gewitter und Spuk im schottischen Hochland


Ich schaute nach links, machte einen Schritt auf die Straße, und ungefähr gleichzeitig mit Nicolaj’s entsetztem Aufruf, rauschte ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit direkt vor mir vorbei. Willkommen in Schottland, wollte er sagen – bitte achten Sie beim überqueren der Straße darauf, dass in diesem Teil Europas das Linksfahrgebot gilt.
Mir war, als wolle dies wilde Land uns die Ankunft ein wenig versüßen, denn als wir anderthalb Stunden zuvor das Flugzeug verließen, kamen wir auf die wunderbare Idee, direkt über den Außenbereich der Landebahn den Flughafen zu verlassen, anstatt wie jeder andere vernünftige Fluggast, den Weg durch den Terminal zu nehmen. Die Weiten des Rollfeldes waren übersäht mit Karnickeln, die unbeeindruckt vom schlechten Abendwetter, scheinbar ziellos umherhüpften. Angekommen am Rand des Areals, mussten wir feststellen, dass das gesamte Fluggelände von drei Meter hohem Maschendrahtzaun umgeben war, der, soweit ich mich richtig erinnere, von einem Stacheldraht gekrönt wurde.
Es half nichts. Unser Motto war: Kein Weg zurück. Also überwanden wir dieses Hindernis so elegant es ging.

Wir waren auf dem Weg in die Highlands – bepackt mit Rucksäcken, meiner Gitarre und Nick’s Geige, sowohl einer unbändigen Abenteuerlust. Der Weg in den Norden führte uns durch Regenschauer, kalte Nächte, vorbei an schaurigen Friedhöfen und der Feststellung, dass es dortzulande kein sättigendes Brot gab. So kam es, dass wir eines Nachmittags Proviant für drei Tage in unseren Taschen verstauten und hinauf in die Highlands wanderten.
Hier begann uns Schottland seine wahre Schönheit zu zeigen und nach dreistündigem Fußmarsch waren die Straßen und Werbeschilder, die mit erhobenem Mittelfinger an uns Trampern vorbeirasenden Schotten, und das luftige Weisbrot vergessen.
Jahrhunderte alte Brücken führten über wilde Bäche – schroffe Felsen säumten von Moos bewachsen die Wege, und die klare Bergluft erfüllte unsere Lungen. Das war Schottland wie wir es uns in den Wochen der Vorbereitungen erträumt hatten.
Uns fiel auf, das der Erdboden in den Highlands weitgehend von kleinen Kratern gezeichnet war - in regelmäßigen Abständen übersäten verbrannte Mulden den Boden. Wir nahmen zunächst an, dass die Bauern dort irgendein Gestrüpp verbrannten, was allerdings unwahrscheinlich war, denn es gab dort weit und breit keine Gehöfte.
Ich kann nicht sagen wie lange wir liefen, bis wir den Gipfel des ersten Berges erreichten, denn auf dem Weg dorthin schlugen wir am frühen Abend bereits das erst Lager auf.
Wir errichteten ein Zelt aus zwei groben wasserdichten Baumwollplanen, die statt von einer Zeltstange, von meinem Gitarrenkoffer gestützt wurden, direkt auf einer jahrhunderte Jahre alten Brücke. Zunächst war das ein wunderbarer Lagerplatz.
Wir stöberten im Regen durch das Umland und aßen Schockoladenriegel unter dem schützenden Steg. Dann fing das Highland-Abenteuer an. Mittlerweile wurde es ein wenig Dunkel und der anstrengende Reisetag machte sich bemerkbar. Ich glaube wir waren gerade dabei uns schlafen zu legen, da hörten wir Steine vom Weg zur Seite springen und ganz plötzlich wurde das Zelt hell erleuchtet ...

Eine halbe Stunde später standen wir, erschöpft von dem schnellen Abbau unseres Zeltes am Wegrand im Regen und schworen uns niewieder ein Zelt mitten auf einer Brücke aufzubauen, während der Jeep, der plötzlich aus den Bergen kam, vor unseren Augen hinunter ins Tal fuhr.

Der Wind fuhr uns ungestüm um die Köpfe, als wir weitere drei Stunden in die Berge wanderten. Es musste schon sehr spät gewesen sein, aber das Licht schien die Highlands nicht verlassen zu wollen. Ein leichter Regen begleitete uns weiterhin und vor mir fiel jetzt der Blick auf eine unbeschreibbar große Ebene, umrandet wie ein längst verloschener Krater. Auf der anderen Seite der Ebene hingen tiefschwarze Unwetterwolken am Himmel und veranlassten uns dazu, über unsere Situation nachzudenken, denn so weit oben in den Bergen gab es keinerlei Schutz.
Wir brauchten nicht lange Ausschau zu halten oder uns unnötig die Köpfe zu zerbrechen: Hier bei schwerem Unwetter ein Zelt aufzuschlagen wäre Wahnsinn - laut unseres Mottos blieb uns also wieder nur der Weg nach vorn. Direkt auf die schwarze Front zu.

Ach jugendliche Leichtigkeit – wie danke ich dir für all die Abenteuer, die du erst möglich machtest.

Wir stiegen den beachtlichen Kraterrand hinab und blickten unserem Schicksal entgegen. Es war eine weite und sehr flache Ebene. Kein Baum oder Hügel weit und breit. Nur das Moos, ein paar Steine sowie die merkwürdigen verbrannten Mulden. Nur, dass sie hier viel größer waren.
Wahrscheinlich liefen wir keine halbe Stunde bis der ungestüme Wind sich in einen mittleren Sturm verwandelte, der Regen flutartig wurde und die tiefschwarze Wolkenfront auf die wir zuhielten, sich in ein Gewitter verwandelte, wie wir es danach nie wieder erleben sollten. Blitze schlugen um uns herum im feuchten Moos ein und hinterließen tiefe schwarze Mulden. Fassungslos bemerkten wir das es bereits zu spät war umzukehren – es hatte uns erwischt und wie wir da standen, gaben wir die zwei höchsten Punkte in der ganzen Ebene ab. Ein Fressen für die Blitze.
Eine Minute später hockten wir in einem der Löcher über die wir uns zuvor verwundert die Köpfe zerbrochen hatten und bangten um unsere Leben. Der Regen durchnässte uns bis auf die Knochen - Donner und Blitz verwüsteten alles um uns herum und es wurde zunehmend kälter. Schon sahen wir die Schlagzeilen in den deutschen Tageszeitungen:

Jugendliche in schottischem Gewitter umgekommen.

Es war eine Frage göttlicher Gnade. Es konnte uns jederzeit treffen – ohne das wir etwas davon mitbekämen. Die Luft knisterte trotz des starken Regens, dieser merkwürdige Geschmack lag auf meinen Lippen und das Überleben wurde zur Ungewissheit. Zwei, drei Blitze in der Minute – manche fern, manche erschreckend nah! Laut peitschten sie die Berge.

In der ersten Stunde in unserem nur dürftig schützenden Loch, umgeben vom Zweifel, ob einer der donnernden Blitze nicht doch den Weg zu uns in die Mulde fand, war die Situation noch einigermaßen erträglich. Wer das nicht erlebt hat, der kann sich die Anspannung und die Ungewissheit kaum vorstellen, die in knisternder Luft an unseren Nerven zerrte. Vielmehr an meinen Nerven, bekam ich im Laufe der zweiten Stunde den Eindruck, den Nick schien wie vom Blitz getroffen, den Göttern trotzend, vom Wahnsinn gepackt. Schon eine ganze Weile diskutierten wir darüber, ob er seinen Schirm öffnen sollte, um nicht noch nässer als nass zu werden, wobei ich wirkliche Mühe hatte, meinen Gefährten davon abzuhalten, uns dem garstigen Tod mit Hilfe eines Drahtgestänges auszuliefern. Wir saßen zwar in einer Mulde, aber unsere Köpfe schauten trotzdem aus dem viel zu flachen Loch herraus. Ich möchte fast sagen, dass so etwas wie ein Streit darum entfachte, den Schirm zu öffnen oder ihn geschlossen zu lassen. Nick war sich seiner Sache sicher: Er könne mit dem geöffneten Schirm raus in die Ebene und es würde ihm nichts passieren. (Während er mir sein Gottvertrauen bildlich schilderte, nahmen die Blitzeinschläge keinesfalls ab und wir befanden uns mitten im Ärgsten Gefahrengebiet! Alle paar Augenblicke schlug ein weiterer Blitz in unserer Nähe ein und sprengte kleine Krater in das feuchte Moos der Highlands). Ich war mir nicht ganz sicher, ob Nick einfach aus der Mulde springen würde, und obwohl er mich vielleicht für übervorsichtig hielt, mochte ich mir nicht vorstellen, wie ihn der Blitz traf, mit geöffnetem Schirm, während er scheinbar triumpfierend über die Ebene hüpfte.

Nach gut drei Stunden in dem Loch, in dem nun langsam das Wasser stieg, hielten wir es nicht mehr aus. Wir beschlossen unseren Weg nicht aus den Augen zu verlieren und machten uns augenblicklich daran dem Gewitter zu trotzen und möglichst zwischen den Blitzen hindurch zu laufen. Unsere Kleider waren mittlerweile biss auf die Haut nass, die sich vor Kälte zusammengezogen hatte unangenehm schmerzte. Ich erinnere mich genau an das ungewisse Gefühl, dass mich dabei überkam die Mulde zu verlassen: Teilweise geprägt vom Wahnsinn und andererseits erfüllt von übernatürlichem Gottvertrauen - es würde irgendie gut gehen. Wir stiegen aus unserer überdimensionalen Pfütze und machten uns schleppend auf den Weg. Blitze schlugen ein, Donner grollten und ich hatte so einen angspannten Schmerz in der Kopfhaut, welcher wohl von der Vorstellung herrührte, wie mir einer der Blitze direkt in den Schädel fuhr.

Unser Vertrauen wurde jedenfalls belohnt. Als wir ein weiteres Drittel der Strecke zurückgelegt hatten, tat sich vor uns eine tiefe Schlucht auf. Schnell wählten wir den Weg durch diesen steilen und tiefen Graben, um dem unheilvollen Schicksal des vom Blitz erschlagen werdens zu entkommen.
Diese Schlucht, welche wie ein Riss in grader Ebene circa zwanzig Meter tief in den Berg gerissen wurde, war wie ein Schlund zur Hölle, nur das dieser Schlund direkt freundlich und einladend auf uns wirkte, da er uns das Überleben garantierte. Unwegsame, steile und scharfe Felsen erschwerten den Abstieg und bargen weitere Gefahren in Form von Knochenbrüchen und tiefen Schnittwunden.
Da die Schlucht extrem steil abfiel, waren wir gezwungen  sie am tiefsten Punkt zu durchqueren, was den Weg nicht gerade erleichterte. Schroffe Felskanten und riesige Geröllsteine machten den Weg zur Kletterpartie. Wenigstens wurde uns von den Strapazen langsam wärmer.

Als wir endlich die andere Seite des Kraters erreichten und die unwegsame Schlucht bezwungen hatten, viel uns, nicht zur Ruhe kommend, das Erste mal auf, dass etwas mit der Zeit nicht stimmte.
Schon weit über zehn Stunden waren wir unterwegs und die Nacht hätte längst die Berge in Dunkelheit hüllen sollen, aber das Licht war beständig und undefinierbar. Keine Sonne, kein Mond und auch keine Sterne waren durch die dichten Wolken zu erkennen, als wir endlich von unserem Schicksalsberg stiegen und auf ein langes Tal blickten.
Ich möchte hier betonen, dass die Sache mit dem Gewitter keineswegs ein Leichtes war und das zudem nicht die Sonne untergehen wollte, war nicht von alltäglicher Vertrautheit gesegnet. Aber welche Freude der nahenden Rettung überkam mich, als wir nach einer weiteren Stunde Fußmarsch in weiter Ferne undeutlich ein Haus erspähten.

Feuer! Trockene Kleider! Eine warme Mahlzeit!

Sofort fassten wir frischen Mut und machten uns an den Abstieg, denn das Haus war auf der anderen Seite des vor uns liegenden Flusses und wie sich herausstellte, war dieser nicht leicht zu überqueren ...

Wir liefen lange Flussabwärts.

Das Wasser schnellte mit unbändiger Kraft durch das Tal. Kein Fels war da, der einen sicheren Tritt verheißen lies, keine Brücke und kein Baumstamm. Es dauerte eine ganze Weile bis wir den Fluss an einer engen Stelle waghalsig überqueren konnten, im Anschluss die gesammte Strecke auf der Gegenüberliegenden Uferseite zurückgehen mussten, und dann weit ins nächste Tal marschierten, bis wir endlich das Haus erreichen.
Auch jetzt, drei vielleicht vier Stunden später, es musste ungefähr kurz vor Sonnenaufgang gewesen sein, gab es keinerlei Anzeichen von Tag oder Nacht. Die Highlands schienen uns verschlungen zu haben – in eine Zeit, einen Raum, fern vom Rest der Welt.
Es war schon merkwürdig, der totale Verlust des Zeitgefühls, die unwahrscheinlichen Strapazen in Mitten eines zornigen Unwetters ... Die Wolken schoben sich undurchdringlich in höher gelegenen Schichten in Richtung Südwest – es wurd nicht hell. Keine Anzeichen von Sonne. Es war, als hätte die Hochgebirgsnacht entgültig den Kampf gegen das Licht gewonnen und für immer die Oberhand erlangt. Aber es sollte noch dunkler werden!

Erschöpft ließen wir unser Gepäck fallen und standen vor dem verlassenen Haus, als währe dieses gerade einer schottischen Fatamorgana entsprungen. Es lag in der sanften Biegung eines Tals, an einem dem Wetter entsprechend reißenden Bach von drei Metern Breite. Zwanzig Meter neben dem Haus stand das, was von einem hölzernen Schuppen übrig geblieben war. Wir waren erschöpft, durchnässt und genossen es einfach irgendwo angekommen zu sein. Die altertümliche Bauart des Hauses entsprach ganz dem Kliesche der schottischen Hochland-Architektur. Grob behauene Steine, wohin das Auge blickt. Auch das Dach war mit Steinen gedeckt. Es war geradezu zu idyllisch. Verträumt lag es da, wie in einem Märchen.
Das Haus hatte vier Räume. Zwei im Erdgeschoss, getrennt von einem Flur samt Treppenhaus, zwei im oberen Stockwerk, dass wir uns zunächst nicht besahen, da die Treppe nicht mehr begehbar war. Der Rechte Raum musste einmal die Küche gewesen sein, denn in ihm stand eine sehr alte und verrostete Küchenhexe. Wie im ganzen Haus war es äußerst dreckig und verkommen.
Der Linke Raum war größtenteils leer und bot dem Besucher einen offenen Kamin. Nicolaj und ich standen mit offenen Mündern in Mitten des Raumes und lasen mit Schrecken an der Wand über der Feuerstelle:

Geht, so lange ihr noch könnt!

Wunderbar dieses Schottland ... ganz wie im Märchen! Ein unbeschreibliches Gewitter, ein totaler Zeitverlust und nun der einzige Unterschlupf weit und breit verflucht? Aber es half nichts ...

Wir beschlossen zunächst vor dem Haus etwas zu essen und ein wenig auszuruhen. Es regnete nicht mehr, und so bot sich uns eine Verschnaufpause um die letzten achtzehn Stunden Überlebenskampf und Gewaltmarsch wieder wett zu machen. Wir hatten ein bescheidenes Mahl und anschließend sahen wir uns ein wenig um.
Eine Weile später wurde es zunehmend dunkler, was nach meinem Zeitgefühl verwirrend war, aber wenigstens kam die Dunkelheit dann doch. Also taten wir es wie andere vor uns und bedienten uns am Holz, dass vom Schopf noch übrig geblieben war und entflammten im offenen Kamin des Hauses ein Feuer, das uns erholsam wärmte und nach und nach die Kleider und Stiefel trocknete.
Draußen verdunkelte sich der Himmel immer weiter, es regnete abermals, ein starker Wind fegte um das Haus und ließ die Holzplanken des entfernten Schopfes knarren und klappern.
Mir war, als hätte die Dunkelheit die ganze Nacht über darauf gewartet, dass wir uns in dieser alten Hütte niederließen. Heulend pfiff es aus irgendwelchen Winkeln und das Haus ächzte unter dem Druck der starken Böen. Die Müdigkeit war längst überfällig geworden und mit einer brennenden Kerze im Raum, die von mal zu mal vom Wind erlosch, und der Gewissheit, dass das Feuer bald ausginge, legten wir uns in die Schlafsäcke und plauderten noch eine Weile. Die Warnung über dem Kamin wurde mit der einnehmenden Dunkelheit zum Themenmittelpunkt. War das ein Scherz? Oder gab es eine Gefahr?
Das Gespräch war vor Müdigkeit auf ein Minimum reduziert, meine Augen fielen schon fast zu, als Nicolaj im oberen Stockwerk Schritte hörte ... Schon saß er aufrecht da, mit konzentriertem Blick, da hörte ich es auch! - Sofort war alle Müdigkeit verflogen und ich bemühte mich den Atem still zu halten, um die Schritte besser vernehmen zu können. Gebannt starrten wir ins Dunkel des Treppenhauses.
Irgendjemand schien da im oberen Stockwerk unruhig umher zu laufen. Ganz deutlich waren das Geräusche, die ein Schuh mit einer harten Ledersohle auf einem mit feinem Schutt verdreckten Dielenboden machte. Langsam trat er auf, rollte den Fuß ab und ... Tap – nächster Schritt.
Nicolaj sah nicht sehr glücklich aus und auch mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Hätte jemand nach uns das Haus betreten, hätte er das nicht unbemerkt tun können. Zudem war die Treppe nach oben nicht begehbar. Ich schaute auf die Warnung über dem Kamin, dann wieder zu meinem Gefährten.

Hier spukte es!

Der erste Anflug von Gebanntsein war schnell verflogen und ich beschloss, nachdem mir das Auf und Abgehen erklärbar schien, in den obersten Stock zu steigen und dem Spuk auf die Schliche zu kommen. Allen Mut zusammen nehmend stand ich auf und wurde sofort von meinem Kameraden gebremst, der mein Vorhaben für keine gute Idee hielt, sich aber verständlicher Weise weigerte allein hier unten zu warten. Was nichts half. Mit der Kerze bewaffnet betraten wir zögernd den Flur und ich machte mich daran, an den Treppenwangen (da die Stufen zerbrochen waren) hinauf in die erste Etage zu klettern. Das war nicht leicht und bei dem unvermeidlichen Krach beunruhigte mich, dass ich nun die Schritte nicht mehr hören konnte und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich keine Ahnung hatte was uns da oben erwartete - tief in den Bergen unter sehr unwahrscheinlichen Umständen, während draußen das Wetter bereits wieder wie ein wildes Tier tobte.
Als ich weit genug hinaufgeklettert war, spähte ich im schwachen Schein des zitternden Kerzenlichtes in einen weiteren Flur, der links und rechts in dunkle Räume führte. Vorsichtig betrat ich den scheinbar festen Boden - Nicolaj war bereits dicht hinter mir. Beängstigt umschauend hielten wir den Atem an. Vorsichtig warf ich eine Blick, die Kerze vorran was mich eher blendete, in den rechten der beiden Räume. Dann ein Blick zurück ins Dunkel das anderen Raumes. Schweigend und voll konzentriert sahen wir uns unsicher an – Stille.
Langsam, mit knirschenden Sohlen, betraten wir das rechte Zimmer. Der Raum war vollkommen leer. Keine Möbel, kein Gespenst, nur Schutt und Dreck, der vom Wind aus der Decke gedrückt wurde. Das gleiche im anderen Raum. Eine traurige und verlassene Stimmung schien in den Wänden zu wohnen. Irgendwo hier beobachtete er uns im Verborgenen. Aber die Schritte waren zum stehen gekommen.
Enteuscht und erleichtert zugleich kletterten wir wieder nach unten. Auch hier war alles still.

Erst als wir uns wieder zur Ruhe legten, hörten wir wieder die ledernen Sohlen knirschend über die alten Dielen laufen ...

Der nächste Tag

Bis Nachmittag verbrachten wir noch einige Stunden an diesem sonderbaren Ort und während mein Weggefährte sich dem Müßiggang widmete, krempelte ich die Ärmel hoch und machte im Haus mal so richtig Ordnung. Ich schaffte Müll und Schutt in den Schuppen, fegte mit einem Behelfsbesen die Räume aus und holte mehrere Eimer Ruß und Dreck aus der Küchenhexe, bis ich befand, dass diese wieder zu gebrauchen sei.
Als wir später weiterzogen, erstrahlte das Spukhaus in neuem Glanz - und ganz im Stillen hoffte ich, während wir weiter durch die Highlands zogen, dass der Geist, der des Nachts ruhelos umherläuft, um sein Haus vor unreinlichen Besuchern zu bewahren erkannte, dass es auch dankbare Gäste gibt.

Tim von Lindenau