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Tim von Lindenau

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Hölle, Teufel, Gottesfurcht (2009)

Wer ist der Mann der den Sündern schlaflose Nächte bereitet und Gottesfürchtige in Angst und Schrecken versetzt?

In einer Zeit wo der Teufel noch nicht existierte, in einem Glauben der Gut und Böse nicht trennte, striff ein mächtiger Gott durch die Wälder. Für die Kelten war es Cernunnos der Gehörnte – ein Hirsch in Menschengestalt, Inbegriff der Fruchtbarkeit und Herr über die Natur. Er war der Freund allen Lebens und weiser Hüter vieler wunderbarer Geheimnisse. Bis zu dem Tag, da man ihn überging, seine reine Seele missbrauchte und Schande über ihn brachte.

Mit dem Einfluss des frühen Christentums durch die Kirche waren Cernunnos Tage gezählt. Die ersten Christenpriester, die durch die germanischen und keltischen Lande zogen, lebten ihren neuen Glauben zwar mit Respekt dem alten Glauben gegenüber, vergaßen dabei aber nicht, für ihren neuen Gott zu werben. Trotz ihrer tolleranten Offenheit, trugen sie unwissend, als erste zum großen Glaubenswandel in Europa bei. Als einige Jahrhunderte später die Kirche zunehmend an Macht gewann, war es nur eine Frage der Strategie, wie man den alten Glauben durch das Christentum ersetzen konnte.
Mit Unterstützung von Rom hatte die Kirche leichtes Spiel, denn die römischen Legionen waren den heidnischen Völkern an Strategie und Technik überlegen. Zahllose Kämpfe und Verluste brachten den Glauben an die unerschütterliche Macht der alten Götter zum wanken. Man musste sich fragen, warum der neue Gott den alten überlegen war – die Kirche hatte eine schlagfeste Erklärung dafür. Sie hielten sich für die Krieger eines neuen Gottes, der ihnen, durch seine Wahrhaftigkeit, die Macht zum Sieg verlieh.
Der Stärke des neuen Gottes hatten die Heiden auf Dauer nichts entgegen zu bringen. Wahrscheinlich waren die notleidenden Familien die ersten, die zum Wohl ihrer Kinder zum Christentum konvertierten, um dem Terror und der Unterdrückung zu entgehen.
Es dauerte nicht lange, da schaffte sich die Kirche durch den Mytos des gefallenen Engels Luzifer, dem Wiedersacher Gottes, einen wiedersprüchlich Verbündeten. Er, der sich ihrem Glauben entgegen stellte, sollte helfen diesen zu festigen. Und zwar durch Furcht.
Nun war Luzifer ein Engel und keine besonders angsteinflößende Erscheinung. Die alten Kelten aber hatten einen Gott, der den Christen das Fürchten lehrte. Es war Cernunnos. Ein großer einflussreicher Gott halb Hirsch halb Mensch. Aus seinem Kopf wuchsen Hörner und statt auf Füßen, lief er auf Hufen. Dieser Gott lebte dort, wo der zivilisierte Christ nur ungern verweilte – im tiefen Wald, einer unüberschaubaren und gefährlichen Welt. Dort wachte Cernunnos über die Natur. Er wurde das Bildniss des Bösen – die neue Haut für den gefallenen Engel Luzifer.

Wie muss sich ein Gott fühlen, wenn der Glaube an ihn schwindet, die Menschen in zunehmend meiden, und ihm, der Jahrtausende lang treu über sie wachte, das personifizierte Böse andichten? Cernunnos war nicht der einzige, der diesen Leidensweg für die Kirche gehen musste, um unter anderen auch den grichischen Gott Pan zu nennen.

Nun war er geschaffen: Der Teufel.

Von dem Tag an wusste jeder Christ wovor er sich zu fürchten hatte und das sich ein frommes Leben bezahlt machte, es seih denn man bevorzugte es nach dem Tode in der Hölle zu schmoren. Die Hölle - der angebliche Wohnort des Teufels. Dort wartet Er auf die armen Sünder um sie für alle Ewigkeit in Qual und Furcht zu verdammen ... Aber keine Angst. So wenig wie Cernunnos oder Pan es lieben Menschen zu quälen, so wenig ist die Hölle ein Ort der Furcht. Das Wort Hölle kommt vom germanischen Hel, welches bezeichnend für jenen Ort war, welchen die Christen später Himmel nannten. Es war das Totenreich.
Warum man ausgerechnet das germanische Reich der Toten für die Hölle erwählte, kann nur an der Unwissenheit derer gelegen haben, die sich für diese Teufelei zu verantworten hatten. Oder aber, man verabscheute die germanische Kultur auf eine Weise, dass das Reich derer Ahnen, in den Augen der Christen nur ein Ort der Verdammniss gewesen sein konnte.
Wenn man es also genau nimmt, so ist der Teufel, in der Gestallt wie wir ihn kennen, eigendlich ein angenehmer Geselle und Naturfreund, und die Hölle jener Ort, der am Ende des Lebens unumgänglich auf jeden Menschen wartet – egal welchen Glaubens er war.

Doch nicht nur den Teufel sollst Du fürchten! Fürchte auch Gottes Urteil über dein Leben,“ denn wer Furcht vor dem Allmächtigen hat, der fürchtet auch dessen Vertreter auf Erden!

Tim von Lindenau





Verloren auf Esoterra
                                                                  (Teilauszug erschienen: Newsage '08)  



Die derzeitigen Wirren, spiritueller Wege


Manchmal frage ich mich: „Esoterik, ist das Wort überhaupt noch sinngemäß in den Bereichen, wo wir es gebrauchen?“ Denn Geheimhaltung hat ja nichts mit öffentlicher Spiritualität zu tun! Da ist der Begriff nicht mehr angebracht, aber wenn man die Probleme der modernen Esoterik näher betrachtet, so gewinnt der Ausdruck dann doch wieder an Bedeutung und das kommt unter anderem so:
Die heute sogenannten Esoteriker scheinen in erster Linie Suchende zu sein. Menschen, die sich einen tieferen Sinn im Leben erhoffen und irgendwo im Hinterstüble ganz fest daran glauben, dass Gott und das Universum kleine und größere Geheimnisse beinhalten, die es aufzustöbern gilt, um mit ihnen dem Leben einen tieferen Sinn zu verleihen. Das hört sich verlockend an und ebenso verlockend sind auch die Angebote vieler, die dem Suchenden einen von unzähligen Wegen weisen. Hoffnungsvoll müht sich der Suchende auf steinigen Pfaden ab. Die Sonne brennt erbarmungslos auf den kleinen Menschen hinunter und seinem Geist dürstet es nach der erleuchtenden Erfrischung, die doch da irgendwo auf ihn warten muss! Aber Geduld scheint gefragt zu sein, da, wo die Erkenntnisse liegen, denn viele Suchende bleiben am Wegesrand vor Erschöpfung liegen und hadern mit den Geschichten die man ihnen erzählte. Jetzt bekommt der Begriff Esoterik seine Bedeutung, denn der Suchende kniet vor einem ihm unerschlossenem Geheimnis: Der Weg zum Göttlichen.

Indien ist für uns das Land der Spiritualität. Hierhin pilgern viele in Scharen, auf der Suche nach spirituellen Meistern, die helfen sollen den göttlichen Weg zu finden. Viele ganz normale Menschen habe ich nach Indien reisen sehen und als sie dann wieder zurück kamen, trugen sie fremde Gewänder und auch ihr Wortklang veränderte sich. „Was ist denn mit deinen Haaren passiert?“, fragte ich einmal. Statt Haaren hat der Suchende jetzt einen anderen Namen! Merkwürdig - aber klingt sehr schön, nur halt nicht... naja, wie soll ich es sagen? Halt nicht mehr nach dem Menschen, der einst nach Indien ging. Irgendwie ist der auch nicht mehr zurück gekommen, sondern eher ein ganz anderer. Der jetzt da vor mir steht, ist sozusagen ein halber Inder – das kann man aber so auch nicht sagen, denn ein Inder beschäftigt sich sicherlich nicht den lieben, langen Tag mit spirituellen Gedanken. Der muss doch mal was arbeiten und auch irgendein privates Hobby haben. Ich meine, arbeiten tut unser Suchender ja auch. Er jobbt für die nächste Reise nach Indien, die neuesten Seminare und teure Kleinigkeiten, die plötzlich einen unverzichtbaren Stellenwert in seinem Leben besitzen. Wenn die alten Freunde dann etwas irritiert staunen und Abstand nehmen, nachdem sie bemerken, dass da jetzt ein ganz anderer Mensch wie zuvor steht, ist es dem auch egal, denn schließlich hat er ja jetzt den spirituellen Weg gefunden und kann mit den alten Freunden nichts mehr anfangen. Schade. „Ja, warum ausgerechnet Indien? Was haben die denn, was wir nicht auch hätten?“, fragte ich mich und fand auch eine Antwort: In Indien fehlt bei der breiten Bevölkerung, Gott sei Dank, einfach die alles verschluckende Entwicklung, die dem Menschen den Fortschritt bringt und ihm dafür den Glauben nimmt. Also kann man von den meisten Indern in Sachen Glauben etwas lernen! Nun, das tun ja auch viele, aber mit welchen Auswirkungen. Nicht nur der indische Weg bietet Raum für westeuropäische Suchende – viele fremde Kulturen ersetzen, was uns vor langer Zeit genommen wurde.
Wo liegen denn unsere Wurzeln? Was denken denn unsere Ahnen, wenn sich keiner mit ihnen beschäftigt und sich alle stattdessen an fremde Geister wenden, obwohl sie wahrscheinlich schon völlig überfordert sind und die Flut an Bittrufen in allen Sprachen der Welt schon gar nicht mehr bearbeiten können. Ja, und können die sich denn überhaupt in einen westeuropäischen Suchenden hineinversetzen? Wir haben doch ganz andere Wurzeln!

Auch fragt man sich, warum sich die meisten nicht mit ihrem Glauben begnügen, sondern über ihre Fähigkeiten hinaus sogenannte Meisterprüfungen machen und teilweise als lebensunerfahrene Priester und Heiler auftreten. Spiritualität ist wohl so etwas wie eine Dienstleistung geworden – ein jeder kann mitmachen. Der Titel ist es, der zählt und in unserer weisenlosen Gesellschaft passt keiner auf, dass die Dinge im Lot bleiben. Es wäre vielleicht auch besser, wenn jeder erst mal sich selbst entdeckt, vielleicht zunächst außerhalb von spirituellen Welten. Was macht mich wirklich glücklich, wovon träume ich, wer bin ich eigentlich, was denken andere von mir und was erwarte ich vom Leben? Wer sich selber gefunden hat, der kann auch andere entdecken, ohne in Dogmen zu versinken. Ich glaube nicht, dass Mutter Erde von uns erwartet, dass wir sie im zweistündigen Takt huldigen und anbeten. Dankbarkeit kann auch ein Lächeln sein.

Wir haben es aber auch nicht einfach. Unsere spirituelle Ur-Kultur ist verschüttet worden von einer Glaubensgemeinschaft, die heute an Bedeutung verloren hat und dem Suchenden nicht mehr entspricht. Das ist auch nicht verwunderlich. Seit ihren frühen Anfängen diente diese Glaubensgemeinschaft hauptsächlich als Machtinstrument, das sich anmaßte, Gottes Wort vertreten zu können. Nun suchen wir durstig und erschöpft seit tausend Jahren nach dem, was unserem Leben einen spirituellen Sinn gibt. Aber mal ehrlich, Sinn macht: Freude, Gesundheit, Freundschaft, Liebe und Harmonie mit Natur und Umwelt. Wenn mal was nicht so klappt, wie ich mir das zunächst vorstelle, dann vertraue ich darauf, dass alles schon seinen rechten Weg findet. Auch, wenn mir das auf den ersten Blick nicht einleuchtet – früher oder später versteh’ ich’s dann doch. Und dann bin ich dankbar für all die Erfahrungen, die mir das Leben schenkt. Ein erfülltes Leben auf Esoterra.

Tim von Lindenau

Foto: Tim von Lindenau

Leser schrieben:

Wer nicht an sich selbst glauben kann, muss halt an was anderes glauben, am Besten an was aus Indien, das ist schön weit weg und hat nix mit einem selber zu tun. Da kann man sich verlieren (sich selbst und seine eigene Kultur) und sich auch noch gut dabei fühlen, vor allem besser als sein Nachbar oder Mitmensch, der ja nur mit dem Strom schwimmt. Mal ganz ehrlich, ich glaube, dass die Esoteriker einfach nur was besseres sein wollen und mit ihrer Unwichtigkeit, im wie auch immer gearteten göttlichen Geflecht so nicht klar kommen, so dass sie zum Ausgleich ihre Unwichtigkeit bewusst begreifen wollen, um sich der westlichen Masse der Unbewussten überlegen zu fühlen. Für mich ganz klarer Esoismus.

N.M. Berlin